Grünkohl ist eines der wenigen Gerichte, deren Saison sich nicht nach dem Kalender richtet, sondern nach dem Wetter.
Die Sache mit dem Frost
Die verbreitete Erklärung lautet, Frost mache den Kohl süß. Das stimmt im Ergebnis, aber der Vorgang ist ein anderer: Bei Kälte wandelt die Pflanze eingelagerte Stärke in Zucker um, weil gelöster Zucker den Gefrierpunkt in den Zellen senkt. Es ist ein Frostschutzmechanismus – und er macht den Kohl nebenbei milder und süßer.
Deshalb beginnt die Grünkohlsaison in Norddeutschland traditionell nach den ersten Nachtfrösten und läuft bis in den Februar. Wer den Effekt nachstellen will, legt den Kohl für einen Tag ins Gefrierfach – das funktioniert, ersetzt aber nicht die Zeit auf dem Feld.
Was dazugehört
Regional unterschiedlich, aber ein Kern ist stabil:
- Kohl, lange geschmort, meist mit Zwiebeln, Brühe und etwas Fett
- Geräucherte Wurst – je nach Region Kohlwurst, Pinkel oder Mettenden
- Kassler oder Bauchspeck
- Kartoffeln, klassisch als Salzkartoffeln oder karamellisierte Bratkartoffeln
- Senf auf dem Tisch, nicht in der Sauce
Der Kohl wird lange gegart – eine bis zwei Stunden sind normal. Anders als bei den meisten Gemüsen ist das kein Fehler, sondern die Zubereitung: Erst dabei wird er weich und nimmt den Rauchgeschmack der Wurst auf.
Das Ritual
In Norddeutschland gehört zum Grünkohl mehr als das Essen: die Kohlfahrt mit Bollerwagen, ein Kohlkönig, der am Ende gekürt wird, und die Verpflichtung, im Folgejahr auszurichten. Weiter südlich fällt das weg, das Essen bleibt.
Was sich überall hält: Grünkohl ist ein Gruppengericht. Für zwei Personen lohnt der Aufwand kaum, für zwanzig ist er derselbe.
Für Familien
Grünkohl polarisiert bei Kindern. Was hilft, ist die Kombination: Wer die Wurst mag, isst den Kohl meistens mit. Karamellisierte Kartoffeln sind der zweite Anker – sie sind süß und damit die Brücke zum Rest des Tellers.
Vegetarisch funktioniert Grünkohl ebenfalls, verändert dabei aber seinen Charakter: Ohne Rauchgeschmack fehlt genau das, was ihn ausmacht. Geräuchertes Paprikapulver oder geräucherter Tofu kommen näher heran als gar kein Rauch.